Tag 3 - Santiago
From Bis ans Ende der Welt... auf den Spuren von Klaus Bednarz in Santiago, Chile on Nov 15 '08
Woran merkt man zuerst, dass man sich zu Beginn einer Reise befindet? Zum Beispiel dann, wenn man an einem Sonntag gegen 07.10h ohne Wecker wach wird. Ich entschied mich unmittelbar nach dem Aufwachen aufzustehen, so dass ich möglichst viel aus "meinem Tag" in Santiago raushole.
Eine weitere Auffälligkeit gefällig, die sich im Laufe meiner Reisen immer wieder wiederholt? Wenn man beim Duschen plötzlich eine landestypische Melodie komponiert und sich dabei versucht, einen passenden Text in der Landessrache zu finden. Immer dann, wenn sich dieser Moment einstellt, spüre ich ganz genau: jetzt bist Du angekommen!
Die Lonely Planet Walking Tour und noch viel mehr
Nach einem fehlgeschlagenen Versuch, eine Skype Verbindung nach Hause aufzubauen, machte ich mich gegen 10h auf den Weg. Es war wieder ein unverschämt guter Frühsommertag in Santiago. Nachdem zu dem "gut" auch zwangsweise "heiß" dazukam, war ich froh um meine abgehalfterte Kopfbedeckung. Auf den Straßen von Santiago war schon ordentlich Betrieb. Innerhalb der Fußgängerzonen hatten einige Geschäfte sogar geöffnet, vorzugsweise Apotheken. Ich fand es auf den ersten Blick bemerkenswert, wieviele Chilenen am Sonntag Vormittag nichts besseres zu tun haben, als eine Apotheke bzw. eine Pharmacia aufzusuchen.
Von Reise zu Reise hat es sich bei mir eingeschlichen, dass ich immer mehr und konsequent den Ratschlägen des Lonely Planets folge. Das geht bei den Unterkünften los, setzt sich beim Essen fort und gipfelt mittlerweile auch in den "Walking Tour" Vorschlägen. Als gnadenenloser Fotosafari Anhänger wandere ich ohnehin von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, da passt es doch ganz gut, wenn die Kameraden vom Lonely Planet einem auch noch die passenden Routen auf den Weg geben. Die "Walking Tour Santiago" begann also unmittelbar an der Iglesia de San Francisco in der Nachbarschaft meines Hotels. Schnell kam ich voran, den rechten Zeigefinger immer am Abzug.
Man darf sich Santiago, wie auch Buenos Aires, nicht so sehr reich an "alter Bausubstanz" vorstellen, wie z.B. Valencia oder Barcelona. Es gibt diese "prachtvollen" Gebäude schon, allerdings sind sie punktuell aufzufinden. Das macht mir persönlich allerdings nicht so viel aus, denn ich bin ja eigentlich viel mehr an den Motiven interessiert, mit denen man seine ganz persönlichen Erinnerungen an eine Stadt verknüpft. Was ich mit Santiago im Nachhinein verknüpfen werde, ist das unglaubliche "Gewusel" auf den Strassen. Überall findet man Menschen vor, die irgendwelche Dinge verkaufen. Das geht los mit einem Holzkohlegrill an einer Ampel, auf dem Schaschlik gegrillt wird... und setzt sich fort bei einer alten Dame, die auf einer ausgebreiteten Decke sitzt und zwei Dinge in ihrem Sortiment hat: Streichhölzer und Bindfaden. Dazwischen befindet sich eine unglaubliche Bandbreite an weiteren Verkaufsfeldern. Diese aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. Einiges davon findet sich in meinem Dokumentarfilm wieder. Man darf aber dadurch bitte nicht den Eindruck gewinnen, Santiago wäre dem Puls der Zeit hinterher. Das Zentrum präsentiert sich mit seiner Infrastruktur, den Einkaufsmöglichkeiten und der Sauberkeit absolut positiv. Bis auf die Menschen um mich herum, hätte ich genau so gut in Europa sein können.
Mein Weg führte mich weiter zum Plaza de Armas. Dieser Platz ist meiner Meinung nach ein absolutes Muss, wenn man in Santiago ist. Zum einen befindet sich mit der Catedral Metropolitana ein sehr ansprechendes Gebäude dort, zum anderen hat das mit all seinen Pflanzen und Bänken ein sehr schönes Ambiente. Hauptsächlich aber ist es ein Stück Südamerika, in welches man beim Verweilen eintauchen darf. Bis auf ganz wenige Touristen, befand sich mal wieder "ganz Santiago" mit Kind und Kegel dort. Zeitgleich spielte eine Kapelle südamerikanische Klänge, was dem noch einen draufgesetzt hat. Es ist einer dieser Momente gewesen, in denen Du ein breites Grinsen bekommst und zugleich einen kleinen Glücksausbruch. Man kann über Klischees denken wie man will, in den ersten Stunden oder Tagen einer Reise ist es einfach schön, wenn diese sich bestätigen... ich nahm Platz auf einer der zahlreichen Plätze und verfolgte einfach nur das bunte Treiben. Bis auf die Musik, eine kleine Kundgebung und das gute Wetter gab es dort für die Menschen eigentlich nichts "besonderes" zu sehen. Trotzdem aber hatte man das Gefühl, die Leute sind nicht nur einfach so da. Es war wie Kirmes ohne Buden und Fahrgeschäfte.
Ich war noch sehr gut zu Fuß, somit setzte ich meine Tour zügig fort. Es folgten einige geschichtlich sicherlich interessante Gebäude, die für mich persönlich allerdings keine so spektakulären Motive abgaben. Gegen Ende der Walking Tour erreichte ich dann aber den Plaza de la Constitución. Sicherlich kennt ihr das Gefühl, wenn man bestimmte Sehenswürdigkeiten schon -zig Mal auf Bildern oder im Fernsehen gesehen hat... ich denke da z.B. an den Big Ben, die Golden Gate Brücke in San Francisco etc. . Wenn man dann plötzlich um die Ecke bzw. die Kurve kommt, und diese Sehenswürdigkeit taucht plötzlich vor einem auf, dann ist das immer ein besonderer Moment. Man muss dann erstmal für sich realisieren, dass man nun tatsächlich davor steht. Beim Erreichen des Plaza de la Constitución und dem Anblick des Präsidentpalastes, dem Palacio de la Moneda, schossen mir sofort die schwarz-weiss Bilder bzw. Filme zum 11.September 1973 in den Kopf. Im Zuge meiner Reisevorbereitung spielte dieser Militärputsch Pinochet´s eine Wiederkehrende Rolle. Natürlich erkannte ich den Palast aus den alten Aufnahmen wieder. Wenn man sich auf dem Plaza umsieht erkennt man auch die Häuserdächer wieder, auf denen sich die Verbündeten Pinochet´s in Stellung brachten. Für einen kurzen Moment kehrte eine eigenartige Stimmung ein. Am Denkmal von Salvador Allende fand sich eine deutsche Reisegruppe mit chilenischer Reiseführerin ein. In solchen Momenten mische ich mich gerne unter meine Landsleute. Ich lausche gespannt den Ausführungen und wenn ich ganz gut drauf bin, gebe ich gerne mal ein "... dat ist ja interessant..." von mir. Am Denkmal von Salvador Allende war mir allerdings nicht zu solchen Späßen zu Mute.
Zwei Erscheinungen in Santiago werde ich in ganz besonderer Erinnerung behalten: zum einen befinden sich im Bereich der Innenstadt sehr viele Nußverkäufer. Das sind kleine chilenische Männlein, die über einen fahrbaren Verkaufs- und Zubereitungsladen verfügen. Offensichtlich sind die Männlein alle bei der gleichen Kette angestellt, da das Design der Wägelchen sich ähnelt. Man kann sich das in etwa so wie in einem Disney-Comic vorstellen, dort verkauften in den Parkanlagen auch ab und zu kleine Männlein Erdnüsse oder ähnliches aus solchen Wägen. Die gesammte Innenstadt ist teilweise durch den Duft von gebrannten oder kandierten Nüssen geprägt. Das roch so verdammt lecker, dass ich eigentlich ständig Lust darauf hatte, ich aber bekanntlich vor 21 Uhr keine Süßigkeiten zu mir nehme.
Noch häufiger als die Nussverkäufer vertreten ist allerdings die Polizei, die Carabineros de Chile. Es wäre übertrieben zu schreiben, die Polizei steht förmlich überall, aber irgendwie stimmt es trotzdem. In den Fußgängerzonen haben sie kleine Pavillons aufgebaut, wie man sie bei uns häufig bei Siedlungsfesten sieht. Sie stehen darüber hinaus an den Ampeln, den Sehenswürdigkeiten, vor Banken... nur gemeinsam mit den Nussverkäufern habe ich sie nicht gesehen. Ich habe bisher noch keine Stadt auf meinen Reisen besucht, die ein derartiges Polizeiaufgebot wie Santiago aufweist. Die Carabineros drängen dabei allerdings nicht in der Vordergrund bzw. wirken nicht betont grimmig. Sie sind einfach nur da. Chile behauptet also nicht nur von sich selbst, das sicherste Land in Lateinamerika zu sein, sie tun auch sichtlich was dafür.
Nach einem Käffchen im McDonalds entschied ich mich, den Nachmittag mit einem Ausflug auf den Cerro San Cristobal zu verbringen. Dieser Hügel ist bei den Chilenen und Touristen gleichermaßen beliebt. Zum einen hat man eine tolle Aussicht auf Santiago und die Andenkulisse, zum anderen beinhaltet der Cerro auch jede Menge Vergnügungsangebote. Um schnell dorthin zu kommen, entschied ich mich für die Metro. Im Vergleich zu Buones Aires fällt einem zuerst auf, dass die Metro um Jahrzehnte moderner ist, als die Subte. Die U-Bahn Stationen sind so modern gestaltet, dass sie mit unseren U-Bahn Stationen in München locker mithalten können. Darüber hinaus ist auch hier alles sehr auf Sauberkeit bedacht. An den Bahnsteigen blasen riesige Ventilatoren zerstäubtes Wasser in die Luft, um es den Fahrgästen bei heißen oder schwülen äußeren Bedingungen erträglich zu machen. Die U-Bahn selbst ist ebenfalls sehr modern, fast schon vergleichbar mit den ganz neuen U-Bahnen in München. Chile ist nicht nur geografisch ein Land der Gegensätze... ich hab in 24 Stunden Santiago einige wirklich typische Flecken oder Szenen gesehen, die jeder von uns beim Stichwort Südamerika im Kopf hat... in viel mehr Momenten allerdings durfte ich feststellen, dass Santiago am gleichen Puls der Zeit schlägt wie Europa oder Nordamerika.
Ich begab mich von der Metro Station Baquedano durch den Stadtteil Bellavista zu meinem Ausflugsziel. Bellavista ist bekannt für sein Restaurantangebot. Dies konnte ich nach einigen Metern bestätigen. Wie an einer Perlenschnur zogen sich unzählige Imbisslokale und Restaurants über einige hundert Meter entlang Richtung Talstation Standseilbahn. Das äußere Erscheinungsbild der Architektur war nun ein völlig anderes, als im Zentrum von Santiago. Ich fühlte mich ein Stück weit in einen Vorort versetzt. Wieder war es so, dass sehr viele Familien, samt Großeltern, Onkel und Tanten unterwegs waren. Wie ich darauf komme? Nun ja, wie sonst erklären sich Gruppierungen von 10 - 15 Personen, die offensichtlich drei Generationen beinhalten und entweder an einem Tisch sitzen oder gemeinsam die Speisekarte vorm Lokal studiern?!?
An der Talstation angekommen musste ich feststellen, dass die Standseilbahn gerade gewartet wird. Das war Pech, ausgerechnet an diesem Sonntag Nachmittag. Zum Glück aber gibt es noch eine zweite Möglichkeit auf den Cerro San Cristobal zu kommen. die allerdings ein ganzes Stück weit davon entfernt ist. Man muss einen anderen Stadtteil dazu ansteuern, Damit der ganze Weg nicht um sonst gewesen sein sollte, entschloss ich mich, meine Mahlzeit an diesem Tag bereits am Nachmittag einzunehmen. Möglichkeiten genug gab es ja. Mich zog es vor ein Restaurant, dessen Speisekarte eine englische Übersetzung beinhaltete. Ich stand dort keine 30 Sekunden, da kam auch schon ein Kellner und versuchte mich in sein Lokal zu lotsen. Man kennt diese Sitationen eigentlich zu genüge und eigentlich möchte man schon aus Prinzip "Nein" sagen. Der Kellner sprach allerdings ganz gut Englisch und machte auf mich einen sehr witzigen und charmanten Eindruck. Ich dachte mir "... warum nicht, die Speisekarte gibt ordentlich was her, die Preise sind gut, Hunger hab ich auch...". Nachdem ich mir einen schönen Platz im Inneren ausgesucht habe, wollte der Kellner wissen woher ich denn komme. In diesem Moment machte ich eine Erfahrung, die sich an den folgenden Tagen immer wieder bestätigen sollte: die Chilenen schätzen ihre Gäste sehr, wenn diese sich bis von Übersee hierher zu ihnen auf den Weg machen, um ihr beeindruckendes Land zu beuchen... um so mehr aber, wenn die Gäste aus Deutschland sind! Die Chilenen mögen die Deutschen sehr, das ist zumindest der Eindruck, der mir vermittelt wird. Der Kellner nutzte fortan jede Gelegenheit, um zu mir an den Tisch zum Plaudern zu kommen. Ganz stolz servierte er mir ein Kunstmann, von der berühmten Brauerei deutscher Kolonialisten. Mein erstes Kunstmann. Zu gerne würde ich mal das Bierfest bei Kunstmann besuchen, nicht nur wegen den hübschen chilenischen Mädchen in Dirndlgewändern...
Gut gestärkt und mit einem Kunstmann Bock im Blut setzte ich mich der prallen Nachmittagssonne von Santiago aus. Es war mittlerweile sicherlich 16h, es fühlte sich allerdings wie 12 Uhr Mittags an. Mein Körper hatte sich aber nach über 24 Stunden Anwesenheit in Südamerika nun schon auf die sommerlichen Temperaturen eingestellt. Der Weg Richtung Gondelbahn führte mich durch eine sehr gute Wohngegend. Die Hochhäuser von Santiago waren in weite Ferne gerückt, ebenso die Restaurants und Buden. Das Wohnviertel wirkte auf mich in keinster Weise so, wie ich mir Santiago vorgestellt habe (wie naiv!). Vor den Häusern parkten Autos, die sich von denen in München-Waldtrudering (meinem Spazierrevier) nicht sonderlich unterschieden. OK, Volkswagen, BMW und Audi fand ich nun nicht großartig vor, dafür aber sämtliche ausländischen Marken und Ausführungen, die man bei uns so vor dem Haus parkt. Die liebevoll angelegten Gärten und die unglaubliche Ruhe gaben dem kleinen Spaziergang etwas regeneratives. Ich fühlte mich einen Moment lang an den Spaziergang durch die Wohngegend von Devonport / Auckland erinnert.
Die Fahrt mit der Gondelbahn auf den Cerro San Cristobal ist in jedem Fall ein absolutes Muss. Zum einen ist die Aussicht auf Santiago großartig. Es wird einem sehr schnell bewusst, was für eine Megacity dies ist. Bis zur ersten Station nimmt man die Stadt nur in der linken Fensterseite wahr. Nach der zweiten Station stellt man fest, dass die rechte Fensterseite auch nochmal so viel zu bieten hat... Häuser bis an den Horizont, ähnlich wie in Buenos Aires. Das Stadtbild gibt einiges her, da immer wieder größere Hügel in Mitten der Stadt auftauchen.... und auf der Ostseite geben die Anden eine prächtige Stadtmauer ab. Sehr viel habe ich vom sommerlichen Smog in Santiago gelesen, was sich an diesem Tag leider auch bewahrheitet hat. Trotzdem, dieser Anblick hat mich sehr fasziniert. Am Gipfel des San Cristobal, wie sollte es anders sein, steht eine übergroße Heiligenfigur. Zu meinem Eintreffen wurde eine heilige Messe gelesen... wie sollte es anders sein. Auch hier traf ich wieder ganze Familiengruppen an, ausgelassen und friedvoll zugleich. Bereits an meinem zweiten Tag in Chile habe ich die Bevölkerung irgendwie schon in mein Herz geschlossen. Für mich sind sie so etwas wie "die Portugiesen von Südamerika".
Beim Eintreffen im Hotel gegen 19.30h spürte ich schon deutlich, dass ich an diesem Tag ganz schön rumgekommen bin. Ich fühlte mich fast schon bettreif, gegen 20.30h dürfte ich dann auch schon eingeschlafen sein. Ich freute mich einfach nur auf den nächsten Tag.
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