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Der gelbe Elefant

From Finally India! in Fort Kochi, India on Mar 03 '08

Florentine has visited no places in Fort Kochi
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Die Ladung des kleinen gelben Elefanten!
Die Ladung des kleinen gelben Elefanten!
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Zum fast-Abschluss muss ich jetzt noch die Sache mit den Paketen erklaeren, das wollte ich naemlich schon vor langer Zeit tun...

Wissen muss man dazu, dass man in Indien ein Paket nur verschicken kann, wenn dieses 1. in weisses Tuch (Leinen, Baumwolle, egal was) eingenaeht ist und 2. mit Siegelwachs versiegelt ist. Ausserdem gibt es ein bestimmtes Formular fuer den Auslandsversand von Paketen, das in dreifacher Ausfuerhung am Paket befestigt sein muss.

Bitte nicht fragen, warum das so ist, Indien ist die groesste Buerokratie der Welt (ueber 1 Mrd Buerokraten), da ist das halt einfach so, und wenn man etwas verschicken will muss man sich an diese drei Regeln halten.

Der erfahrene Tourist hat die Reiseliteratur studiert, kennt die Oeffnungszeiten des naechsten Postamts und beginnt nachfolgende Prozedur schon am Vormittag, mindestens jedoch 5 Stunden vor der Postamtssperrstunde (die von Amt zu Amt, auch innerhalb einer Stadt) unterschiedlich sein kann.

Am Vortag der geplanten Versandaktion sucht der Tourist ein Geschaeft das Getraenkeflaschen verkauft und verhandelt mit saemtlichen anwesenden Indern ueber die Aushaendigung einer leeren Getraenkekiste als Versandkarton. Das dauert meistens, ist aber allgemein erfolgreich und wenn man einen Chai kauft muss man nicht einmal fuer die Kiste zahlen. Juchuu.

1. Erfolgserlebnis: man hat eine Kiste.

2. Erfolgserlebnis: die Kiste ist voll bepackt

1. Schock: sie ist leider nicht mehr zu heben, weil zu schwer.

3. Erfolgserlebnis: man hat sie irgendwie aus dem Hotelzimmer bugsiert und schleppt sie mehr schlecht als recht Richtung Schneider.

Zum Schneider natuerlich deshalb, weil dieser die Kiste einnaehen muss. Bloederweise ist gerade heute ein Muslimischer Feiertag und der Schneider, den man am Vortag ausfindig gemacht hat (10 m vom Hotel entfernt) hat zu. Der naechste Schneider ist - laut Buegelwallah am Hauseck - gleich bei der naechsten Kreuzung. Die ist 50m entfernt. Schlepp, zerr, wackel, torkel, schnauf.

Bei der naechsten Kreuzung gibt es 5 Apotheken und einen Chaiwallah, aber keinen Schneider. Aber in 75m Entfernung sieht man etwas, was nach Schneider aussehen koennte. Schlepp, zerr, wackel, torkel, schnauf, schwitz. (Natuerlich scheint an Paket-Tagen immer die Sonne mit voller Kraft!)

4. Erfolgserlebnis: Es ist ein Schneider. Er ist Muslime. Er hat zu. Man ruft nach einer Rickshaw. Man klappert 30min die naehere und fernere  Umgebung ab, bis man im hintersten Winkel einer grindigen Gasse einen Schneider gefunden hat, der 1. offen hat und 2. bereit ist, ein Paket einzunaehen (was nicht unbedingt von Haus aus der Fall sein muss).

Er will es nur nicht sofort einnaehen. (Postamtsperrstunde ist in 4 Stunden) Man insistiert, droht, lockt mit doppelter Bezahlung, erklaert dass man das Paket HEUTE schicken muss weil man morgen wegfaehrt und nach 20 Min. angeregter Diskussion erklaert sich der Schneider bereit, das Paket gleich einzunaehen.

"One hour you back." Nein, eine Stunde vor dem Schneidertisch sitzen und psychologische Kriegsfuehrung (Ueberzeugungsarbeit) ueben, weil sonst aus einer Stunde zwei (oder mehr) werden.

5. Erfolgserlebnis: der Schneider beginnt zu naehen. 6. Erfolgserlebnis: nach 1 Std 20 Min ist das Paket fertig, ohne Siegelwachs aber immerhin. (Postamtsperrstunde ist 2 1/4 Stunden.)

Man begibt sich zum naechsten Postamt. Es gibt in Indien 2 Arten von Postamt:

Das kleine, lokale Postamt wo nie jemand hinkommt, niemand Englisch spricht, aber der Postbeamte sich unglaublich ueber den exotischen Gast freut und auf umstaendliche aber verhaeltnismaessig schnelle Art alles selber erledigt, inkl. Wachs und aller Formulare. Ausserdem kriegt man mindestens 3 Tassen Chai bis die ganze Prozedur erledigt ist. Meistenso kostet der Versand hier auch weniger. Weil solche Postaemter zwar sehr nett, aber fuer Blogs eher unergiebig sind, beschaeftigen wir uns mit der zweiten Art.

Das Hauptpostamt ist IMMER das letzte Postamt wo man hingeht, weil entsetzlich verworren, dunkel, gross, buerokratisch, chaotisch, verstaubt und desorganisisert. Leider hat es meistens die besten (= laengsten) Oeffnungszeiten

und man landet sehr haeufig dort. In unserem Beispiel ist man 2 Stunden vor der Sperrstunde im Postamt, aber weil Feiertag ist wird heute noch frueher als sonst zugemacht. Normalerweise geht 1 Stunde vor der Sperrstunde nix mehr, weil es eh schon mehr als diese eine Stunde dauern wird, alle in der Schlange wartenden Auftraege zu erledigen. Heute sind die Muslime eh schon nicht da, und die Hindus wollen aus Solidaritaet auch frueher nach Hause (es kann natuerlich auch genau umgekehrt sein, das aedert aber nix an den Auswirkungen).

Man ist also zur naechsten Rickshaw gewackelt (schlepp, keuch, schnauf, schwitz) und ins Hauptpostamt gefahren.

Noch in der Rickshaw wird man von einem Parcelwallah abgefangen, und hat das 7. Erfolgserlebnis: er hat Siegelwachs. Man hat auch den naechsten kleinen Schock, er verlangt naemlich 1 Rs pro Siegel. Der normale Preis ist nicht mehr als 50 Paise (1 Rupie = 100 Paise). Man verhandelt muehsam, hat aber die Hauptpostamtssperrstunde im Hinterkopf (noch 3 Stunden) und weiss, dass man in der schlechteren Verhandlungsposition ist.

Das weiss auch der Parcelwallah und macht natuerlich weitaus mehr Siegelabdruecke als noetig, so dass man letztlich einen Wucherpreis bezahlen muss. Grrrrr....

8. Erfolgserlebnis: Das Paket ist ordnungsgemaess verpackt. Fehlen nur noch die Formulare und dann ist es praktisch schon verschickt. Man geht zum Eingang. Ein Hauptpostamt in Indien hat immer mindestens 10 Eingaenge die unterschiedlich, teils interessant ("Passport packing") und teils widerspruechlich  (linke Tuer "Parcel Office", mittlere Tuer "Letters", rechte Tuer "Parcel Office", kleine Tuer noch weiter rechts "Speed Post Office") beschriftet sind. Man will ein Parcel Office.

Udn wird natuerlich prompt von einem Parcelwallah zum Speed Post Office (das gleichzeitig das "Passport packing" anbietet) gescheucht, weil der Auslaender im Geld schwimmt und natuerlich seine 20kg per EMS verschicken will. Nach einer laengeren Diskussion mit dem Beamten dort (man braucht seinen Pass und will ihn nicht verschicken, und will auch keinen EMS-Versand machen) wird man zur linken Parcel-Office-Tuer geschickt.

Die fuerht - wie auch die rechte Parcel-Office-Tuer - in eine riesige Halle voller Maenner die sich wie auf ein geheimes Kommando alle umdrehen. Glotz glotz (siehe meinen frueheren Eintrag zu diesem Thema). Glotz glotz glotz, machen die Inder. Grrrrr Grrrrrrrr Grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr, macht Florentine. (Leider/Gottseidank hat F keine freie Hand, sonst gaebe es an dieser Stelle etliche Tote.)

Man ist dreist, beschliesst dass es hier eine Ladies Line geben muss (gibt es uebrigens meistens in Postaemtern), und boxt sich mit dem verpackten Paket als Waffe bis nach vorne durch, weil man weiss, man braucht das Formular. Das Auslandspaketversandformular. Drei Mal.

Man ignoriert die glaring und growling indischen Maenner ("hinten anstellen") und boxt. Irgendwann ist man beim Schalter (noch 1 1/2 Stunden bis zur Hauptpostamtssperrstunde) und nach einer 1/4 Stunde beschliesst der Beamte sogar, einen fragenden Blick nach oben zu richten. Man erklaert die Sache mit dem Formular. Er denkt 10 Minuten. Dann kommt er drauf, hat natuerlich keines. Die gibt es bei einem Formularwallah vor dem Postamt. Und uebrigens gibt es einen Schalter fuer Pakete - dort drueben (nur ist der nicht besetzt, aber das ist momentan unwichtig, man hat noch nicht einmal die Formulare).

Man geht aus dem Postamt hinaus. Schlepp, keuch, schnauf, schwitz. Interessanterweise ist man ploetzlich von Formularwallahs umringt, die vorher alle misterioeserweise nicht da waren. Nur hat leider niemand das richtige Formular, das Auslandspaketversandformular. Alle moeglichen anderen, aber dieses eine, leider, das gibt es jetzt gerade nicht. "Aber nehmen Sie dieses hier, das geht schon..."  Aber man kennt die Postamstbuerokratie schon und weiss, ohne dem richtigen, ordnungsgemaess ausgefuellten Auslandspaketversandformular geht gar nix. Die Formularwallahs schicken einen in die Eingeweide des Postamts, in irgend ein Kammerl wo irgend ein Mensch sitzen soll, der das Formular hat. Vorbei also (mit Paket) an riesigen Paketbergen und dutzenden Briefsortierenden Postamtswallahs (Briefe werden hier noch traditionell auf Tischen und in Holzfaecher mit antiquierten Aufschriften "Delhi", "Bangalore", .. eingeordnet, in einem irrsinnstempo, die Postamtswallahs machen ja den ganzen Tag nichts anderes). Er hat es natuerlich nicht.

Also wieder ins Postamt hinein. Diesmal kein Boxkampf, sondern ein direkter Sprint zum Head Post Office Master. Nach 20 Minuten warten und erfolglosen Versuchen, ihn auf sich aufmerksam zu machen schaut dieser sogar auf, hoert sich die Problemstellung an, und - kehrt ohne ein Wort zu seiner Arbeit zurueck.

Grrrrrrrrrrrrrrrrrr. Noch 30 Min. bis zur Hauptpostamtssperrstunde. Grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr. Irgendwann bequemt sich der Herr doch noch, die Formulare rauszuruecken. Interessanterweise taucht genau in der Minute ein Formularwallah auf, und wachelt mit grossem Grinsen mit einem Formular - dem Auslandspaketversandformular! - in dreifacher Ausfuehrung in der Luft herum.

Grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr. Tief einatmen, langsam ausatmen. Grr. Jetzt hat man also 6 Formulare und kaempft sich in eine Schlange durch, was nicht so einfach ist wie es klingt, weil die 5 vorhandenen Schlangen gerade miteinander verschmolzen werden, der Dienstschluss naehert sich ja.

9. Erfolgserlebnis: man ist zufaellig in einer der Schlangen in die geschmolzen wird, nicht in einer die verschmolzen wird. Das ist gut, weil wer nicht rechtzeitig in aus einer verschmelzenden Schlange in eine geschmolzene schluepft, der mus morgen wiederkommen.

Der Mann hinter einem muss seinen Brief beim Schalter abgeben, als Zeichen, dass er der letzte ist, dessen Sachen bearbeitet werden. Glueck gehabt. (Oder gut geboxt. Eine gewisse indische Ruecksichtslosigkeit ist auch sehr hilfreich.) Der Mann muss trotzdem in der Schlange stehen, wenn er weggeht verliert er seinen Platz und muss morgen wieder kommen.

Die Hauptpostamtssperrstunde kommt und geht, die Schlange steht. Irgendwann, ca 1 Stunde nach der Sperrstunde, ist man dan endlich beim Schalter. Man klebt die Formulare auf die Kiste. Der Beamte ist sogar nett, wahrscheinlich weil er endlich nach Hause gehen will, und gibt einem seinen Klebstoff - normalerweise muesste man wieder raus, in die Vorhalle, zu den klebrigen Klebstofftischen, alles selber picken, und verloere dabei natuerlich seinen muehsam erstandenen Schlangenplatz.

Man erklaert ca 10x das Austria nicht Australia ist, weist auf das "Europe" in der Adresse hin, erklaert dass Luftpost zu teuer ist und man trotzdem die billigere Sea Mail will ("are you sure? really? really sea mail? are you sure sea mail?") und irgendwann geschieht ein Wunder: man darf zahlen.

10. Erfolgserlebnis: das Paket ist verschickt, und es hat nur 7 Stunden gedauert (exkl. dem Verpacken am Vortag). Das war ja geradezu flott!

NACHTRAG:

3 Monate spaeter schleppt ein kleiner gelber Elefant das X-te Paket zu meinen Eltern, und wundert sich schon nicht mehr ob der eigenartigen Verpackung....


pama avatar pama on Mar. 4, 2008 @ 04:30PM said

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